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Mobiltelefone

Da Mobilfunknummern inzwischen nicht mehr ohne weiteres – also ohne Vorlage des Personalausweises vergeben werden, ist das anonyme mobile Telefonieren recht schwierig geworden. Wer erreichbar sein, nicht ständig Leute um ihr Telefon anschnorren oder sich nicht in eine Telefonzelle stellen möchte, muß einigen Aufwand betreiben. Natürlich bestünde die Möglichkeit, mit Hilfe anonymisierter Zahlungswege ein Satellitentelefon zu erwerben und zu betreiben. Dank des Preisverfalls ist das nicht einmal mehr wirklich teuer. In der Realität bleibt „für den Rest von uns“ jedoch nur das normale Handy. Sollte uns nun aus heiterem Himmel ein tatsächlich anonymes Mobiltelefon in die Hände fallen, muß man diesen Zustand verteidigen. Denn Handys geben fortwährend eine ganze Menge Informationen über ihre Nutzer ab. Wenn man nicht aufpaßt, ist man schnell wieder identifiziert. Zwei besonders wichtige Punkte dabei sind IMEI-Nummern und das Problem der Lokalisierung.

Die IMEI und die IMSI

Wenige Handy-Benutzer sind sich der Folgen der Existenz einer eindeutigen Gerätekennung bewußt. Die eindeutige IMEI-Nummer (International Mobile Equipment Identity) eines Telefons wird bei dessen Nutzung mitübertragen und bei den Mobilfunkanbietern systematisch gespeichert und soweit möglich mit den Bestandsdaten assoziiert. Eine neue SIM-Karte, die in ein bereits dort gespeichertes Telefon gesteckt wird, kann also mit den bekannten Benutzerdaten verknüpft werden und ist damit deanonymisiert. Die Informationen, insbesondere zu Telefonen, die mit einem Vertrag erworben wurden, werden je nach Mobilfunkanbieter auch direkt bei heute routinemäßig durchgeführten Bestandsdatenabfragen an die Behörden weitergegeben. Erhält man also eine anonyme SIM-Karte und steckt diese irgendwann einmal in ein Handy, das vorher auf den eigenen Namen (mit einer nicht-anonymen SIM-Karte) gemeldet war, dann war‘s das wieder mit der Anonymität. Andersrum funktioniert das übrigens genauso.
Hat man ein anonymes Handy ein einziges Mal mit einer nicht-anonymen SIM-Karte benutzt, ist das Handy selbst danach nicht mehr anonym. Ebenfalls wichtig zu wissen ist, daß natürlich auch alle Nummern, die man nicht-anonym je gewählt hat und die einen selbst je angerufen haben, gespeichert und profiliert sind, selbst wenn man nicht offiziell unter Überwachung steht. Durch das Kombinieren von Nutzungsdaten können also Rückschlüsse auf den Benutzer gezogen werden. Hier hilft nur häufiger Wechsel der anonymen Handys und SIM-Karten. Falls man mehrere Handys nutzt, sollte man strikt vermeiden, die einzelnen sozialen Gruppen, mit denen man interagiert, mit jedem der Handys anzurufen. Dadurch wird das Profiling, ermittelt über die Anrufer und Angerufenen und die Häufigkeit dieser Verbindungen, erschwert.

Lokalisierung

Mobiltelefone nehmen naturgemäß Kontakt zu allen nahegelegenen Mobilfunkzellen auf. Beim Einbuchen geben sie dort ihre IMEI bekannt. Somit trägt jeder Benutzer einen personalisierten Peilsender mit sich herum. Wer über die entsprechende Empfangstechnik verfügt (gemeinhin die Telekom-Unternehmen und der Staat), kann in der Folge jederzeit und laufend jeden Handybesitzer auf einige hundert bis wenige Meter genau orten. Die Polizei nutzt diese Möglichkeit seit langem, um die täglichen Aktivitäten von mehr oder weniger Verdächtigen lückenlos und ohne jeden Personalaufwand zu überwachen, zu speichern und zu profilieren. Und natürlich können anonymisierte Mobiltelefone damit auch wieder Nutzern zugeordnet werden, sei es schlicht durch die Heimatadresse oder durch ein bestimmtes Bewegungsprofil. Vor dieser fortwährenden Lokalisierung kann man sich eigentlich nur schützen, indem man das Handy abschaltet. Auf der sicheren Seite ist man, wenn man im Falle sicherheitskritischer Gespräche frühzeitig einfach den Akku heraus nimmt.
Eine hinreichende Anonymisierung für eine begrenzte Zeit ist also nur zu erzielen, wenn SIM-Karten und Telefone zum Einsatz kommen, die nicht zuvor in irgendeinem Zusammenhang mit dem Benutzer standen. Ein einzelner Fehler, etwa ein Telefonat mit einer zuzuordnenden Nummer, kann die Anonymität kompromittieren. Im Alltag ist diese Art Disziplin erfahrungsgemäß nur schwierig aufrechtzuerhalten, und selbst bei Einhaltung aller Regeln sind auf längere Sicht Nutzer durch Analyse der Kommunikationsmuster identifizierbar.

Der Text wurde der aktuellen Datenschleuder #92 des CCC’s übernommen.